Für eine EU-weite 35-Stunden-Woche

Updated: Apr 2, 2019

Die Europäische Union sollte eine maxi­male Arbeitszeit von 35 Stunden pro Woche in allen Mitgliedsländern durchsetzen.

Nicholas Vrousalis argumentiert, dass eine 35-Stunden-Woche vermutlich effektiver ist als eine ungeregelte Wochenarbeitszeit oder die 40-Plus-Woche. Eine Verringerung der Wochenarbeitszeit würde auch zu mehr persönlicher Freizeit führen. Studien haben gezeigt, dass sich viele für geringere Wochenarbeitszeiten entscheiden würden, wenn andere das auch täten. Eine gesetzliche Vorschrift würde helfen, dieses Problem kollektiven Handelns zu lösen.


Eine europäische Richtlinie zur Arbeitszeitbeschränkung auf höchstens 35 Wochenstunden wäre aus zweierlei Gründen zu begrüßen. Zum einen ist weniger Schufterei für sich allein betrachtet schon wünschenswert: Es ist dem Grunde nach vernünftig, die Arbeitszeit zu verringern. Zum anderen gibt es angesichts eines politisch gespaltenen und von Sparpolitik geplagten Europas gute strategische Gründe für die EU, kürzere Wochenarbeitszeiten einzuführen. Richtig umgesetzt, würde eine solche Richtlinie nicht nur europaweit Arbeitslosigkeit und Ungleichheit verringern, sondern könnte auch die Forderungen einer gemeinsamen europäischen Front gegen die Sparpolitik bündeln.


Vernunftgründe

Der Arbeitstag, wie wir ihn kennen, ist ein Produkt der kapitalistischen Zivilisationsstufe. Die vorkapitalistische Zivilisation kannte Zeiten harter Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf den Feldern. Daneben gab es aber auch jahreszeitlich bedingt längere Zeiten mit eher wenig Arbeit. In der meist landwirtschaftlich geprägten europäischen Volkswirtschaft vor der industriellen Revolution summierten sich die kirchlichen Feiertage zu mehr freien Tagen, als Arbeiter heutzutage mit 4 Wochen bezahltem Urlaub genießen können. Vor allem kannte man in der vorindustriellen Zeit nicht den durch die Maschinen ausgelösten Druck, rund um die Uhr Geld zu machen, um Waren zu machen, um Geld zu machen, um – und so weiter, jahrein, jahraus. Sowohl Verfechter als auch Kritiker des Kapitalismus haben sich für eine Verringerung der Arbeitszeit ausgesprochen. John Maynard Keynes, der Ökonom der Ökonomen, war der Ansicht, dass eine 15-Stunden-Woche nicht nur wünschenswert sei, sondern bis 2020 auch machbar wäre. Für Paul ­Lafargue, den Schwiegersohn von Karl Marx, war Freizeit – die Befreiung von der Schufterei – das eigentliche Endziel der sozialistischen Emanzipation. Und Bertram Russell vergötterte die Freizeit als den Hauptquell aller menschlichen Freiheit und jedes schöpferischen Tuns.


Betrachten wir zunächst die Vernunftgründe, die für eine Verringerung der Wochenarbeitszeit auf, sagen wir, 35 Stunden sprechen. Zum Ersten wird eine 35-Stunden-Woche wahrscheinlich produktiver sein als eine Wochenarbeitszeit von 40 oder mehr Stunden. Zweitens ist eine 35-Stunden-Woche wahrscheinlich fairer, das Leben mit ihr freier.


Betrachten wir es zunächst wirtschaftlich. Würden Sie das Angebot annehmen, auf drei Prozent ihres Gehalts zu verzichten, wenn Sie dafür eine Woche mehr Urlaub bekämen? Studien belegen, dass die meisten Menschen ein solches Angebot annehmen würden – vorausgesetzt, andere täten es auch. Mit anderen Worten: Menschen sind durchaus bereit, einen Teil ihrer absoluten Kaufkraft gegen Freizeit einzutauschen, solange ihre relative Kaufkraft – also das, was sie sich verglichen mit ihren Nachbarn und Freunden leisten können – konstant bleibt. Es besteht hier also ein Problem der gegenseitigen Versicherung, wie es von Ökonomen gerne mit Rousseaus Hirschjagd-Parabel beschrieben wird. Daraus folgt, dass hier ein Gesetz ins Spiel kommen muss: Das Wohlergehen aller kann gesteigert werden, wenn die Verminderung der Wochenarbeitszeit allgemein vorgeschrieben wird.


Blicken wir nun auf die Fairness. Lange Arbeitszeiten trifft man im Allgemeinen dort an, wo zwischen denen, die etwas herstellen, und denen, die die Herstellung managen, eine strikte Trennung herrscht. Diese Trennung ist unfair und undemokratisch: Etwas gegen Lohn herzustellen, beinhaltet nicht nur, dass einem ein anderer sagt, was und wie man produzieren soll, sondern auch, dass man auf die Entscheidung, was und wie produziert wird, keinen Einfluss hat. Diese Trennung lässt sich nur überwinden, wenn Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit selbst bestimmen können. Eine Voraussetzung für diese Kontrolle ist, mehr Zeit für die kollektive Selbstorganisation zu haben (vergleiche dazu auch den Beitrag von Lisa Herzog in diesem Band). Die Zeit, in der man produziert, muss weniger werden, damit entsprechend mehr Zeit für die Organisation des Arbeitsplatzes bleibt. Anders gesagt: Lange Arbeitszeiten sind ein Beweis für eine ungerechte soziale Verteilung der Arbeit. Wichtig ist dabei, dass die Verteilung der Arbeit auch dann ungerecht ist, wenn es die Manager sind, die die längsten Arbeitstage haben. Wenn die Arbeit im Management 50 und mehr Wochenarbeitsstunden mit sich bringt, dann sind ganze Bevölkerungsgruppen – etwa Eltern kleiner Kinder oder Menschen über 50 – systematisch von solchen Stellen ausgeschlossen.


Kommen wir zum Gesichtspunkt der Freiheit. Eine 35-Stunden-Woche bedeutet für die meisten Menschen mehr Freizeit, also Zeit, die man nicht damit verbringt, den Lebensunterhalt zu verdienen. So gesehen wird Freizeit zum universellen Mittel: Was immer man im Leben vorhat, freie Zeit ist stets eine notwendige Bedingung dafür, es auch wirklich zu tun. Wenn die Wohlhabenden unsere gesamte freie Zeit aufkaufen würden, würden wir kein freies Leben führen, selbst wenn wir ihnen unseren fairen Anteil an dieser Zeit freiwillig abtreten würden.


Strategische Gründe

In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage Europas wäre eine Verringerung der Arbeitszeit umso eher möglich, wenn die Summe aller Arbeitsentgelte gleich bliebe. Das bedeutet, dass die Durchschnittslöhne nach Einführung der Arbeitszeitverkürzung steigen müssten. Dadurch würde neben der Produktivität auch der Konsum angekurbelt. Einige werfen ein, dass Lohnsteigerungen die Gewinne schmälerten und in der Folge die Arbeitslosigkeit steigen würde. Es gibt jedoch kaum Hinweise darauf, dass eine kürzere Arbeitszeit zu mehr Arbeitslosigkeit führt. Wenn überhaupt, dann deuten die europäischen Daten in die entgegengesetzte Richtung: Niedrige Arbeitslosenzahlen korrelieren mit niedrigen Arbeitszeiten – das lässt sich in Österreich, Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz sehen, wo die durchschnittliche Jahresarbeitszeit bei weniger als 1.600 Stunden liegt.



Es gibt jedoch Belege dafür, dass gesetzliche Beschränkungen der Arbeitswoche zu mehr Arbeitslosigkeit führen, wenn sie nicht mit einer ­konsequenten Beschäftigungspolitik verbunden werden. Mit „konsequent“ meine ich eine EU-Politik, die den Personalabbau massiv beschränkt, EU-finanzierte Beschäftigungsbeihilfen erhöht und die EU-Staaten zu Arbeitgebern der letzten Instanz macht. Ohne eine solche Politik wären gewinnorientierte Unternehmen motiviert, entweder Arbeitnehmer nicht einzustellen oder sogar zu kündigen, sobald die Produktivitätsgewinne einer kürzeren Arbeitswoche sich bemerkbar machen. Die Krise der französischen 35-Stunden-Woche lässt sich zum großen Teil dadurch erklären, dass eine solche Beschäftigungspolitik fehlt.

Im Jahr 2017 hatte die durchschnittliche Arbeitswoche in Nordeuropa 37 Stunden (Quelle: OECD 2018). Dort die 35-Stunden-Woche einzuführen, wäre wahrscheinlich einfacher als im südlichen und östlichen Europa. Griechen arbeiten beispielsweise durchschnittlich 42 Stunden pro Wochen (rund 2.000 Stunden jährlich), Polen und Portugiesen 40 Stunden (rund 1.850 Stunden jährlich). Welchen Segen brächte dort mein Vorschlag, wenn er mit einer konsequenten Vollbeschäftigungspolitik verknüpft würde: eine Verringerung der Wochenarbeitszeit um 12 Prozent für eine Halbierung der Arbeitslosenzahl.


Aus strategischer Sicht spricht für diesen Vorschlag, dass er für Umverteilung innerhalb der EU sorgt. Von der EU finanzierte Beschäftigungsbeihilfen könnten beispielsweise die Arbeitsmärkte in den ärmsten Regionen ankurbeln, ähnlich wie die bestehenden Strukturanpassungsprogramme aus den EU-Kohäsionsfonds. Der einzige Unterschied besteht darin, dass dieses Geld direkt zur Finanzierung von Beschäftigung eingesetzt würde, als Ausdruck der Solidarität zwischen Arbeitnehmern in Europa.


Einige Einwände aus der Twelve-Stars-Onlinedebatte


Ich möchte gerne 80 Stunden pro Woche arbeiten.

Manche Menschen wollen ihren Müll nicht trennen, andere keine Steuern zahlen. Solche Bedürfnisse sind unvernünftig, denn in einem freien und fairen System der sozialen Kooperation haben sie einfach keinen Platz. Ähnlich ist es auch mit den Arbeitsstunden: So wie fehlende Abfallgesetzgebung diejenigen benachteiligt, die keine Umweltsünden begehen, und zu einer unfairen Verteilung der Vorteile und Lasten der Umweltbelastung führt, folgen aus dem Fehlen einer Stundenbeschränkung die Benachteiligung der schwächsten Arbeitnehmer und eine ungleiche Verteilung der Vorteile und Lasten der Arbeit.


Außerdem gibt es sehr viele Anhaltspunkte dafür, dass die meisten Menschen lieber weniger als mehr arbeiten wollen. Wegen des Versicherungsproblems – und den damit verbundenen Marktunvollkommenheiten – geht das leider nicht ohne gesetzliche Grenzen. Selbst in Deutschland, das die niedrigste Arbeitszeit der EU hat, würden 42 Prozent der Arbeitnehmer lieber weniger arbeiten (vgl. die Studie von Susanne Wanger). Diese Einstellung zeigt, dass sie ihre Arbeitszeit nicht selbst gewählt haben, was wiederum darauf zurückzuführen ist, dass sie keinen Einfluss auf den Produktionsprozess und ganz allgemein auf ihre Arbeitsbedingungen haben. Und das ist, wie ich oben gezeigt habe, ungerecht.


Ich kann meine Zeit immer gegen Geld eintauschen.

Einige Tauschgeschäfte zwischen Zeit und Geld sind vielleicht körperlich möglich, aber moralisch verwerflich. Eine gerechte Gesellschaft würde sie untersagen und verhindern. Wenn ich sage „Wir würden kein freies Leben mehr führen, wenn die Wohlhabenden unsere gesamte freie Zeit aufgekauft hätten“, meine ich genau das. Es ist verwerflich, die ganze Zeit eines Menschen zu kaufen, denn das läuft auf Sklaverei hinaus. Wenn man jetzt aber nicht alles verkauft, sondern nur, sagen wir, 60 Stunden pro Woche: Auch das sollte meiner Ansicht nach gesetzlich verboten sein.

Der erste Grund dafür ist, dass die Entscheidung des einen, mehr zu arbeiten, sich auf die Entscheidungsfreiheit von anderen auswirkt, die weniger arbeiten möchten. Ein weiterer Grund ist, dass freie Zeit etwas Besonderes ist. Sehen wir uns ein Beispiel an, das auf Julie Rose zurückgeht: A erhält einen angemessenen Anteil an Einkommen und Wohlstand, widmet aber den größten Teil ihrer Zeit der Pflege eines bedürftigen Verwandten. Intuitiv genießt sie weniger Freiheiten als B, die den gleichen Anteil an Einkommen und Wohlstand hat, sich aber um keinen Angehörigen kümmert. Der Unterschied lässt sich nur durch die Besonderheit der freien Zeit erklären: A bekommt keinen angemessenen Anteil an freier Zeit.


Man könnte erwidern, dass es für A zulässig wäre, jemanden für die Pflege einzustellen, indem sie ihren angemessenen Anteil an Einkommen und Wohlstand einsetzt. Es ist aber nicht für alle Formen des Arbeitens und Sich-Kümmerns zulässig, sie durch Bezahlung jemand anderem zu überlassen. Sie sollten zum Beispiel besser davon absehen, jemanden anzuheuern, der für sie auf die Hochzeit ihres Bruders geht oder ihre beste Freundin nach der Trennung tröstet. Eine gerechte Gesellschaft würde diese Art Geschäft nicht gutheißen. Es ist also keinesegs so, dass man immer seinen angemessenen Anteil an freier Zeit gegen mehr Geld eintauschen kann.


Ärzte oder Kriminalbeamte können nicht einfach nach sieben Stunden ihre Arbeit stehen lassen.

Manchmal ist es notwendig, länger zu arbeiten als normalerweise. Das ist auch in jedem System so, in dem die Wochenarbeitszeit beschränkt wird. Aber daraus folgt doch nicht, dass man nicht in dieser Woche mehr arbeiten kann und in der nächsten dafür weniger. Für diesen politischen Vorschlag wäre es völlig ausreichend, wenn über einen Zeitraum von vier, acht oder sogar zwölf Wochen gerechnet die Wochenarbeitszeit bei 35 Stunden pro Woche läge.


Sie gehen von einer gegebenen Menge an Arbeit aus, das ist aber keine feste Größe.

Der „Lump-of-labour-Irrtum“ besteht in der Annahme, dass es eine feststehende Menge an Aufgaben und Arbeitsstunden gibt und dass diese gleichmäßiger auf mehr Arbeitnehmer verteilt werden können. Dieser politische Vorschlag begeht jedoch nicht diesen Denkfehler, denn er setzt nicht voraus, dass die Anzahl der Aufgaben oder Arbeitsstunden feststeht. Außerdem wird er scheitern, wenn er nicht um eine auf Vollbeschäftigung zielende Arbeitsmarktpolitik ergänzt wird, wie ich oben ausgeführt habe. Ohne eine solche Politik werden die Betriebe wahrscheinlich weniger Menschen einstellen.


Unregulierte, freie Märkte führen zu einer 35-Stunden-Woche.

Für diese These gibt es keine Belege. Auch wenn die Wochenarbeitszeit in Nordeuropa in den letzten zehn Jahren abgenommen hat, zeigen die Daten doch eine erhebliche Ungleichheit zwischen dem Norden und dem Süden Europas: Deutsche arbeiten durchschnittlich ein Drittel weniger als Griechen und ein Viertel weniger als Polen oder Portugiesen. Außerdem nehmen die Arbeitsstunden im Süden und Osten Europas zu. Diese Ungleichheit kann man vermindern, wenn man Arbeitslosigkeit und Arbeitsstunden reduziert.


Allgemeiner betrachtet gibt es auch keine theoretische Begründung, warum unregulierte, freie Märkte zu einer Verminderung der Arbeitszeit beitragen sollten. Schließlich ist es nicht so, dass Freizeit den Konsum ankurbelt, die Verkaufszahlen steigen lässt und Arbeitgeber glücklich macht. Daraus erklärt sich, warum Arbeitgeber während eines Wirtschaftsbooms lieber die Gehälter erhöhen, als den Arbeitnehmern mehr Freizeit zu gewähren. Schon Gerald A. Cohen hat 1978 bemerkt, es sei kein Zufall, dass Kapitalisten nie für mehr Freizeit werben. Kapitalistische Märkte begünstigen wachsenden Konsum, nicht Freiheit von Plackerei.


Die Wochenarbeitszeit zu vermindern, ohne die durchschnittlichen Arbeitslöhne entsprechend zu senken, würde den Unternehmens­gewinnen schaden.

Auf angemessene Weise umgesetzt, würde die 35-Stunden-Woche besonders in Südeuropa zu einem Anstieg der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen führen. Das ist ein segensreicher Aspekt dieses Vorschlags und in der Tat ein Glücksfall für die Bemühungen, den Widerstand gegen die fortdauernde Sparpolitik zu europäisieren.


Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Helfer, Karola Klatt und Kai Schnier.


Einwände

Am 7. Juli 2018 verteidigte Nicholas Vrousalis seinen Vorschlag in der ­Debatte von Twelve Stars. Im Folgenden werden die Haupteinwände ­aufgeführt. Seine Erwiderungen darauf können online verfolgt werden.

Recherche

Aktuelle Initiativen und Vorschläge zu diesem Thema können dem background briefing entnommen werden.


©2018 BY TWELVE STARS.             Supported by

  • Facebook - Black Circle
  • Twitter - Black Circle