Die EU und Altersdiskriminierung: Schafft die Zwangspensionierung ab!

Updated: Apr 2, 2019

Die EU sollte strengere Standards gegen Altersdiskriminierung erlassen und die altersbedingte Zwangsversetzung in den Ruhestand abschaffen.


Kasper Lippert-Rasmussen argumentiert, dass Altersdiskriminierung in vielerlei Hinsicht anderen Formen von Diskriminierung ähnelt. Wenn man gegen Altersdiskriminierung vorgehen will, müsste man die Zwangsversetzung in den Ruhestand abschaffen. Die Bevölkerung Europas wird immer älter. Die Zwangsversetzung in den Ruhestand wird in Zukunft immer mehr EU-Bürger betreffen. Außerdem verkleinert sich die ohnehin schrumpfende Erwerbsbevölkerung durch Bestimmungen über Altersgrenzen für die Zwangsverrentung noch weiter.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Professorin. Über die Jahre ist aus Ihnen eine immer bessere Lehrerin geworden. Gerade stecken Sie mitten in einem spannenden Forschungsprojekt. Sie sind bei guter Gesundheit, lieben Ihren Job und würden gern mindestens so lange weiterarbeiten, bis Ihr jüngstes Kind einen Abschluss gemacht hat. Zum Monatsende werden Sie jedoch gegen Ihren Willen pensioniert. Der Grund: Sie werden 65 Jahre alt. Ist das gerecht?


Zur Jahrtausendwende erließ die EU eine Richtlinie, die Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz strikt untersagt. Dieses Verbot berührt aber ausdrücklich nicht die einzelstaatlichen Bestimmungen über die Festsetzung der Altersgrenzen für den Eintritt in den Ruhestand. In der Zwischenzeit hat der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass Ungleichbehandlungen aufgrund von Altersunterschieden zulässig sein können, insofern sie objektiv gerechtfertigt sind. EU-Mitgliedstaaten und Arbeitgeber können ein gesetzliches Renteneintrittsalter festlegen, wenn es „angemessen und notwendig ist, um legitime arbeitsmarktpolitische Ziele zu verfolgen – etwa in Sachen Berufsausbildung oder Stellenmarkt – und wenn die zur Erreichung dieser Ziele angewandten Mittel ebenfalls angemessen und notwendig sind.“ (Quelle: Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf) Ein angemessenes Ziel wäre es in diesem Sinne etwa, die Karrierechancen für junge Arbeitnehmer verbessern zu wollen. Aufgrund dieser Rechtslage gibt es in mehreren EU-Mitgliedstaaten bis heute ein gesetzlich festgelegtes Rentenalter.


Ginge es nach mir, dann würde sich das ändern. Die EU sollte diese Form der Zwangsverrentung abschaffen. Mein Kernargument lautet wie folgt: Altersdiskriminierung ähnelt der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder Religion in vielerlei Hinsicht, wird allerdings nicht immer gleich behandelt. Würden wir Altersdiskriminierung genauso kritisch sehen - und entschieden ablehnen! - wie andere Formen der Diskriminierung, dann kämen wir nicht mehr um die Erkenntnis herum, dass das gesetzliche Renteneintrittsalter abgeschafft werden sollte.


Handlungsbedarf in Sachen Zwangsverrentung

Die Zwangsverrentung ist ein wichtiges Thema – nicht zuletzt, weil Europa einen tief greifenden demografischen Wandel durchmacht. Die Altersstruktur unserer Gesellschaften verändert sich nachhaltig. Einige Prognosen gehen davon aus, dass das europäische Durchschnittsalter, das 2003 noch bei 37,7 Jahren lag, bis 2050 auf 52,3 Jahre gestiegen sein wird. Eine solche Entwicklung hätte zwei Konsequenzen.


Erstens wären in Zukunft weitaus mehr EU-Bürger direkt von Zwangsverrentung betroffen. Das bedeutet natürlich nicht, dass Diskriminierung gegen Randgruppen nicht ein ebenso großes Problem wäre. Je mehr Menschen aber auf eine bestimmte Weise ungerecht behandelt werden, desto dringlicher muss diese ungerechtfertigte Ungleichbehandlung bekämpft werden.


Zweitens würde das gesetzliche Rentenalter in Zukunft deutlich höhere wirtschaftliche Kosten verursachen als bisher. In einer alternden Gesellschaft bedeutet ein verpflichtendes Rentenalter unausweichlich, dass immer weniger Bürgerinnen und Bürger arbeiten und gleichzeitig immer mehr von ihnen auf Transferleistungen angewiesen sind. Das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) schätzt, dass der Anteil von Menschen jenseits der 65 Jahre im Vergleich zu den 15- bis 64-Jährigen zwischen 2018 und 2050 von 31 Prozent auf 50 Prozent anwachsen wird.


Nicht weniger problematisch ist es, dass die Altersgrenzen, die in vielen EU-Mitgliedstaaten für die Zwangsversetzung in den Ruhestand gelten, mitunter seit den 1950er-Jahren Bestand haben. In der Zwischenzeit hat sich das Verständnis davon, was es bedeutet, alt zu sein, aufgrund von verbesserten Arbeits- und Lebensbedingungen jedoch dramatisch verändert. Wenn ein Bergmann in den 1960er-Jahren das Rentenalter erreichte, dann befand er sich in einem unlängst schlechteren Gesundheitszustand – und war deshalb auch weit weniger arbeitstauglich – als ein Softwaredesigner, der heutzutage dieses Alter erreicht. Die Lebenserwartung des Kumpels nach seiner Verrentung war ebenfalls viel geringer. Die steigende Altersabhängigkeit ließe sich zumindest teilweise lindern, indem man das gesetzliche Rentenalter anhebt.


Das allein würde die Kernproblematik im Sinne der Beseitigung von Diskriminierung allerdings noch nicht lösen. Genau wie andere Formen der Diskriminierung, sei es aufgrund von Geschlecht oder Herkunft, beruht auch die Altersdiskriminierung darauf, dass ihre Opfer nicht als Individuen behandelt werden. In anderen Worten: Menschen, die das festgelegte Renteneintrittsalter überschritten haben und noch voll arbeitsfähig sind, werden einzig und allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Altersgruppe in den Ruhestand gezwungen.


Prinzipielle Einwände

Natürlich lassen sich gegen meinen Vorschlag eine Reihe von Gegenargumenten vorbringen. Etliche davon wurden in der Twelve-Stars-Onlinedebatte zur Sprache gebracht. Im Folgenden will ich sie der Reihe nach diskutieren.


Erstens wird gern behauptet, dass Alter im Gegensatz zu Geschlecht oder Herkunft durchaus ein einigermaßen zuverlässiger Indikator dafür sei, wie arbeitstauglich jemand ist. Zweifelhaft bleibt jedoch, ob wir eine derartige Argumentation in Hinblick auf andere soziale Indikatoren tolerieren würden. Nehmen wir an, der Faktor Geschlecht wäre halbwegs zuverlässiger Indikator dafür, welchen Eignungsgrad eine Person für die Arbeit in einer militärischen Eliteeinheit hat. Mit Sicherheit würde eine Zulassungsbeschränkung aufgrund des Geschlechts von vielen als unerlaubte Diskriminierung empfunden. Man würde Gleichberechtigung einfordern und erwarten, dass Frauen den gleichen Eignungstests unterzogen werden wie ihre männlichen Mitbewerber – und zugelassen werden, sofern sie die Tests bestehen. Warum sollte das beim Thema „Alter“ anders sein?


Zweitens wird gern die These vertreten, dass Altersdiskriminierung im Gegensatz zu Rassismus oder Sexismus nicht mithilfe von Vorurteilen und Stigmata operiere. Das ist allerdings schlicht falsch. Die Stigmatisierung von älteren Menschen als verwirrt, starrsinnig oder anpassungsunfähig mag gesellschaftlich zwar akzeptierter sein als die Diskriminierung von Frauen oder Ausländern. Doch es existieren nicht weniger Vorurteile gegenüber älteren Menschen als gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen.


Drittens verteidigen viele Menschen ihren entspannten Umgang mit dem Thema „Altersdiskriminierung“ mit dem Argument, dass schlussendlich jeder Mensch – sofern er nicht jung stirbt – vom Altern betroffen ist. Da im Grunde also früher oder später jeder von Altersdiskriminierung betroffen sei, handele es sich gar nicht um eine Diskriminierung, sondern vielmehr um Gleichbehandlung.


In dieser Feststellung liegt wohl ein Funken Wahrheit. Altersdiskriminierung ist weniger schädlich als andere Formen der Diskriminierung, weil sie die Chancengleichheit weniger stark beeinträchtigt als sexistische oder rassistische Formen der Ungleichbehandlung. Trotzdem taugt diese Feststellung meiner Meinung nach nicht als Verteidigung für ein gesetzlich festgelegtes Rentenalter.


Eine Ungerechtigkeit, die alle betrifft, ist nicht zwangsläufig weniger ungerecht. Dies lässt sich anhand eines einfachen Beispiels illustrieren. Nehmen wir an, jeder von uns wäre zu verschiedenen Zeitpunkten einem willkürlichen Verbot ausgesetzt – etwa einem einjährigen Verbot, Fahrrad zu fahren. Die Maßnahme beträfe irgendwann jeden, wäre dadurch aber nicht weniger ungerecht. Der Grund dafür ist simpel: Die Ungerechtigkeit hätte in diesem Fall in erster Linie damit zu tun, dass die Maßnahme selbst nicht zu rechtfertigen wäre. Wie viele und welche Menschen sie beträfe, wäre zweitrangig. Ähnlich verhält es sich auch mit dem gesetzlichen Rentenalter. Menschen dazu zu zwingen, ihre Arbeit aufzugeben, allein weil sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, ist nicht weniger willkürlich und damit ungerecht. Der Umstand, dass irgendwann jeder, der das Glück hat, alt genug zu werden, von der Zwangsverrentung betroffen sein wird, macht sie nicht gerechter.


Replik auf beschäftigungspolitische Bedenken

Ferner wird gern argumentiert, dass das gesetzlich festgelegte Rentenalter deshalb rechtens sei, weil es – wie es auch in den betreffenden EU-Richtlinien steht – „angemessen und notwendig ist, um legitime arbeitsmarktpolitische Ziele zu verfolgen.“ Im Klartext soll das heißen: Ohne ein vorgeschriebenes Renteneintrittsalter hätten junge Leute schlechtere Jobchancen, da die Stellen von älteren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen länger besetzt blieben.


Auch dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen, verfehlt aber aus mindestens zwei Gründen ebenfalls sein Ziel: Erstens beruht er auf der Annahme, dass sich aus Einzelfällen ein allgemeingültiges Muster ableiten lasse. Dabei ist es in Wahrheit, wie gezeigt, so, dass es gerade das gesetzliche Rentenalter ist, das im Zusammenspiel mit dem Altern der europäischen Bevölkerung dazu führen wird, dass das Verhältnis zwischen erwerbstätigen und verrenteten Menschen noch weiter ins Ungleichgewicht gerät. Immer mehr Menschen vom Arbeitsmarkt auszuschließen, bürdet den nachrückenden Generationen, die die Rente erwirtschaften müssen, eine immer größere Last auf.


Zweitens hinkt das Argument der arbeitsmarktpolitischen Notwendigkeit auch in normativer Hinsicht. Nehmen wir an, es wäre aus Gerechtigkeitsgründen geboten, verschiedenen Alterskohorten gleiche Jobchancen zu ermöglichen. In diesem Fall ließe sich ein gesetzlich festgelegtes Renteneintrittsalter rechtfertigen. Hätten die heute Fünfzigjährigen in ihrer Jugend Vollbeschäftigung genossen, während die gegenwärtig Zwanzigjährigen mit hoher Jugendarbeitslosigkeit kämpfen, dann wäre das tatsächlich ein Argument für die Zwangsverrentung. Es kann aber auch genau andersherum sein – und ist es tatsächlich in Ländern wie Deutschland, wo die heute Fünfzigjährigen früher stärker mit Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen hatten als die gegenwärtig Zwanzigjährigen, die gute Jobchancen genießen. Im Umkehrschluss des gleichen Arguments würde das bedeuten, dass man ein gesetzliches Mindestarbeitsalter fordern müsste!

Praktische Einwände

Zu guter Letzt stehen manche Beobachter meiner Ablehnung des gesetzlichen Rentenalters aus rein pragmatischen Gründen skeptisch gegenüber. Die potenzielle Produktivität eines jeden Arbeitnehmers vor dem Hintergrund seines Alters zu beurteilen, ist schwierig und aufwendig. Mit Faustformeln wie dem gesetzlichen Renteneintrittsalter können Arbeitgeber Zeit und Geld sparen. Schließlich beeinträchtigt der Faktor Alter auf lange Sicht immer die Leistung am Arbeitsplatz. Ähnlich lässt sich aus pragmatischer Sicht argumentieren, dass ein gesetzliches Renteneintrittsalter auch im Interesse der Arbeitnehmer ist. Sich nicht mit der Frage auseinandersetzen zu müssen, wann man sich aus der Arbeitswelt zurückzieht, kann entlastend wirken – insbesondere für Menschen, die zwischen Privat- und Arbeitsleben, also etwa zwischen Job, Partnern und Kindern, hin- und hergerissen sind.


Doch auch diese Punkte reichen meiner Meinung nach nicht aus, um meine Argumentation gegen ein gesetzliches Renteneintrittsalter grundsätzlich zu erschüttern. Natürlich fällt es den meisten von uns mit zunehmendem Alter schwerer, unsere Arbeit auszuüben. Das ist jedoch keine gute Begründung für die Zwangsverrentung. Stephen Hawking starb im Alter von 76 Jahren. Wurde er, nachdem er das durchschnittliche europäische Renteneintrittsalter überschritt, ein schlechterer Forscher und Lehrer? Schwer zu sagen. Sicher ist jedoch, dass Hawking auch mit 76 noch ein besserer Physiker blieb als die meisten seiner jüngeren Kollegen.


Wer den Sinn und Zweck eines gesetzlichen Rentenalters mit durchschnittlichem altersbedingtem Verfall begründet, der kann theoretisch auch die unterschiedliche durchschnittliche Muskelkraft von Frauen und Männern anführen, um ein Gesetz zu rechtfertigen, das die Einstellung von Feuerwehrfrauen verbietet. Ein derartiger Gesetzesentwurf würde allerdings zu Recht als sexistisch empfunden werden. Es ist einfach, Muskelkraft zu messen. Individuelle Tests dazu sind weder teuer noch zeitaufwendig. Festzustellen, ob jemand ein guter Physiker ist, geht offenkundig nicht ganz so leicht. Trotzdem verlassen sich Universitäten auf bestimmte Anzeichen, etwa auf Informationen aus Zitationsdatenbanken, wenn sie neues Lehrpersonal einstellen – und Ähnliches gilt auch für andere Arbeitsbereiche. Warum nutzen wir also statt pauschaler altersbedingter Richtlinien nicht solch differenziertere Indikatoren, um das beste Renteneintrittsalter individuell zu ermitteln?


Gewiss mag es einigen Arbeitnehmern angenehm sein, sich mit der Frage, wann sie in Rente gehen, nicht beschäftigen zu müssen, weil sie gesetzlich geklärt ist. Gleichzeitig würde die Abschaffung eines festgeschriebenen Verrentungsalters Arbeitnehmer aber auch ermächtigen, mit ihren Arbeitgebern über das genaue Ende ihrer Verträge zu verhandeln. Ein 45-Jähriger, der sich zum Zeitpunkt seiner Einstellung sicher ist, dass er mit 65 Jahren aufhören möchte zu arbeiten, könnte dieses Anliegen vorbringen und vereinbaren.


Ohnehin wäre es falsch anzunehmen, dass das gesetzlich geregelte Renteneintrittsalter die Entscheidungsfindung für jedermann erleichtert. Schon heute setzen sich viele Menschen zur Ruhe, bevor sie das festgelegte Rentenalter erreicht haben. Andere – und zwar immer mehr – arbeiten nach der Verrentung selbstständig weiter. Selbst wenn es jedoch stimmen mag, dass manche Arbeitnehmer von dem gesetzlichen Rentenalter profitieren, so muss dieser gefühlte Mehrwehrt noch immer mit dem Schaden verrechnet werden, der dadurch entsteht, dass viele Menschen aufgrund der aktuellen Gesetzeslage gegen ihren Willen in den Ruhestand versetzt werden. Noch nicht einmal miteinberechnet wäre der Verlust all der Güter und Dienstleistungen, die durch die zwangsverrenteten Bürgerinnen und Bürger noch hätten hergestellt und erbracht werden können.


Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Helfer, Karola Klatt und Kai Schnier.


Literaturhinweis Bidadanure, Juliana. “Making sense of age-group injustice: A time for relational equality?” Politics, Philosophy & Economics 15 (3): 234–260, 2016.


Lippert-Rasmussen, Kasper. “Is it unjust that old people suffer from worse health than young people? Distributive and relational egalitarian views.” Forthcoming.


Lippert-Rasmussen, Kasper. Relational Egalitarianism: Living as Equals. Cambridge: Cambridge University Press, 2018.


Lippert-Rasmussen, Kasper. Born Free and Equal? A Philosophical Inquiry into the Nature of Discrimination. Oxford: Oxford University Press, 2013.


McKerlie, Dennis. Justice Between the Young and the Old. Oxford: Oxford University Press, 2012.


Einwände

Am 20. Juli 2018 verteidigte Kasper Lippert-Rasmussen seinen Vorschlag in der Debatte von Twelve Stars. Im Folgenden werden die Haupteinwände ­aufgeführt. Seine Erwiderungen darauf können online verfolgt werden.


Recherche

Aktuelle Initiativen und Vorschläge können dem background briefing entnommen werden.


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